
Es gibt Tage, da will ich in den Dingen mehr sehen, als sie eigentlich sind. Dann sehe ich in einem einzigen Spiel den Moment des Umbruchs, den Funken der Hoffnung, das verheißungsvolle Zeichen einer besseren Zukunft – oder auch das bittere Ende einer erfolgreichen Phase, das Vorüberziehen von Möglichkeiten, das Versagen im wichtigsten Augenblick. Es gibt aber auch Tage, da will ich nicht mehr sehen als das, was es eigentlich ist: eine Momentaufnahme. Drei Punkte. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich sitze hier, um meinen Spielbericht zur Niederlage gegen Schalke zu schreiben. Wir alle wissen aber, dass es um weitaus mehr geht als der erwartbare Punktverlust eines inviduell bestens besetztem Team der Top 3 der Bundesliga. Die richtigen Worte für die zurückliegenden drei Tage zu finden, fällt dabei alles andere als leicht. Gerade eben bist du noch Tabellenzwölfter mit der Hoffnung, sich weiter zu stabilisieren und dem Abstiegskampf zu entfleuchen, und dann geht auf einmal alles schief. Tage später sitzt der Schock noch in den Knochen, der bei der Verarbeitung der Geschehnisse nicht sehr förderlich ist. Das Protokoll eines lähmenden Chaos-Wochenende.

“Du schon wieder?!” – auf mich wartete eine lachende, herzliche Begrüßung. Da war ich schon wieder, mit regennasser Jacke und genau der gleichen Kameraausrüstung wie beim letzten Mal. Gerade einmal einen Monat und einen Tag war es her, da stand ich bereits an gleicher Stelle: vor den Toren des Mainzer Stadions, umgeben von einem Kartoffelacker. Mit schlechtem Wetter, mit einem unguten Bauchgefühl und nicht den Hauch von Motivation, überhaupt da zu sein. Nicht zu Unrecht, wie ich erneut feststellen musste.

Ein gemütlicher, fauler Sonntag im Januar, der Heizkörper hinter mir blubbert vor sich hin, vor mir steht eine längst kalt gewordene Tasse Kaffee. Mein Kopf ist schwer von all den Gedanken darin. Der VfB hat gewonnen, es sollte einfach sein, diese Zeilen zu schreiben. Aber das ist es nicht. Hier und jetzt ist es gar sehr viel schwerer, die richtigen Worte zu finden. Es geht nicht um 90 Minuten, die es zu beschreiben gilt, um ein zähes Spiel mit einem glücklichen Sieg. Es geht um die Verarbeitung unverarbeiteter Emotionen, die so viele Jahre schon als vergessen gegolten hatten.
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