Ganz genau hatte ich es vor Augen. Wenige Sekunden würde die Nachspielzeit noch laufen, da schiebt Nils Petersen die Kugel über die Linie, nachdem man den Ball einfach nicht wegbekam. Das Schwarzwaldstadion eskaliert, der SC gewinnt mit 4:3 nach 90+4 Minuten. Ich hatte es kommen sehen. Ich bin froh, dass es nicht eingetreten ist. Aber bin ich auch froh, dass man zumindest mit einem Punkt wieder heimfahren konnte? Nein, auch das nicht. Ein seltsames Gefühl, dass es einem so schwer macht, darüber zu schreiben.

Ich hatte mir vorgenommen, mir künftig das Recht herauszunehmen, auch mal ganz wenig oder überhaupt gar nichts zu schreiben, wenn mir der Sinn danach steht. Ein Spiel, dass so viel Gesprächsstoff bietet, aber so wenig Lust, alles noch einmal aufzuwühlen. Wo soll man da eigentlich anfangen? Bei der Tatsache, wie wenig der VfB die Länderspielpause genutzt hat und offenbar noch schlechter dasteht als vorher? Oder bei der Tatsache, dass man zwar das Toreschießen für sich entdeckt hat, aber gegen einen Mitabstiegskonkurrenten gleich drei kassiert hat? Oder lieber bei der Tatsache, dass Tayfun Korkut den Eindruck macht, nichts mit diesem überdurchschnittlich besetzten Kader anfangen zu können?

Je länger diese noch junge Saison andauert, desto größter wird mein Unverständnis darüber, wie wir vergangene Saison Siebter werden konnten. Diese unbeschwerte Zeit, in der man mir die Angst vor er nächsten Niederlage nicht nehmen konnte, ich sie aber dennoch so genießen konnte, dass ich bereit war, dies zu sagen: “Ich habe in den letzten Jahren so oft Unrecht gehabt. In der kommenden Spielzeit will ich es mal mit etwas Vertrauen versuchen.” Aber wie soll sich Vertrauen entwickeln, wenn offenbar die Zusammenarbeit von Mannschaft und Trainer nicht soweit gediegen ist, das beste aus allem herauszuholen?

Obligatorische Startschwierigkeiten

Die Saison hat gerade erst begonnen, dessen bin ich mir bewusst. Ich will auch nicht schwarzmalen, nur weil es der VfB erst am Sonntag geschafft hat, die ersten Tore der Saison zu machen und bisher alles davor verloren hatte. Vielleicht legt der VfB ja gegen Düsseldorf den Schalter um, gewinnt überzeugend mit 3:0 und die Gemüter sind besänftigt. Fürs erste. Das grundsätzliche Problem, das man in Bad Cannstatt hat, löst es allerdings nicht. Und das ist nicht etwa eine viel zitierte Erwartungshaltung, sondern vielmehr das permanente Misstrauen in beinahe alles, was der Verein mit dem roten Brustring zustande bringt, in sportlicher, wirtschaftlicher und marketingtechnischer Sicht.

Wir alle sind gebrannte Kinder. Ich bin zwar noch nicht lang genug dabei, um wirklich mit glänzenden Augen von “damals” zu sprechen. Als “Erfolgsfan”, der erst mit der Meisterschaft 2007 das Herz an den VfB verlor, steht es mir einfach nicht zu. Aber als ich zum VfB kam, alles neu, unbeschwert und fantastisch war, glaubte ich noch, der VfB würde immer alles geben. Tabellenplatzierungen unter den ersten Sechs, beinahe jedes Jahr internationale Spiele, das alles scheint auch für mich schon so weit her. Wo ist zwischen Abstiegskampf und Alltagstristesse nur die Liebe geblieben? Es gibt Tage, da erinnere ich mich daran, wie es sich anfühlt. Doch sie sind schneller vorbei, als mir lieb sein kann.

Im Pokal beim Drittligisten ausgeschieden. In Mainz verloren. Gegen Bayern verloren. Und nun, das Baden-Württemberg-Duell gegen Freiburg. Da müssen doch endlich mal drei Punkte her, das verlangt der schwäbische Stolz, oder? Oder???? Dass man im Badischen zu gewinnen hat, wussten die paar tausend mitgereisten Fans. Die Mannschaft aber vermutlich nicht – diese präsentierte zunächst die gleiche Attitüde, mit der sie nach der Auftaktpleite in Mainz ihre Ausflüchte gesucht hatte: “Da muss man nicht unbedingt gewinnen”. Und ob man das musste.

Entspannte Stunden im sonnigen Freiburg

Ein Abendspiel an einem Sonntag, sei es auch nicht so weit entfernt, ist dennoch eine Belastungsprobe. Schon als ich morgens aufstand, wusste ich, dass es eine kurze Nacht werden würde. Richtige Lust hatte ich auch hier noch nicht, wie bisher auf keines der bisherigen Saisonspiele – und ich weiß nicht, ob diese Lust so schnell wiederkommen wird. Ein entspannter Tag in Freiburg sollte es werden, der am Abend von drei Punkten gekrönt werden sollte, für die wir im Kofferraum des Kleinwagens gerade noch Platz hatten, als uns unsere Freunde Gerd und Ingrid abholten. Es wurde ein entspannter Tag, die Frage war nur eher, würde er das rückwirkend betrachtet auch dann noch sein, wenn der VfB keine drei Puntke holt? Ein langer, anstrengender Prozess, der mich mehr Überwindung und Kraft kostet, als ich je zugeben könnte.

Ein perfekter Parkplatz, tolles Wetter, ein entspannter Spaziergang durch die Altstadt und auf den Schloßbergplatz, leckeres Essen und ein noch leckereres Eis hinterher. Kurzum: ein wunderbarer Tag. Wenn da nur nicht der VfB wäre. Da waren wir nun wieder, am Schwarzwaldstadion, zum zweiten Mal im Jahr 2018, nachdem wir zuletzt im November 2014 hier gastierten. Mario Gomez schoss zwei Tore und ebnete den Weg für eine entspanntere, zufriedenstellende und erfolgreiche Rückrunde, die niemand von uns nach dem Rauswurf (?) von Hannes Wolf für möglich gehalten hatte. Letztes Mal. Dieses Mal war alles ein wenig anders, der VfB muss seinen Platz erst finden, muss sich finden. Wie gut das geklappt hat, haben wir ja gesehen.

Der selbe grässliche Gästeblock, der gleiche Eingang, die gleiche bescheidene Sicht aufs Spielfeld, der gleiche Standpunkt und die gleichen Gesichter wie jedes Mal. Und jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, wie wenig ich im Grunde über das Spiel selbst schreiben will. Mit einer sehr netten Choreo begann es dabei so vielversprechend, erneut im Zeichen des württembergischen Stolzes präsentierte sich der Gästeblock in einem tollen Bild. So richtig würdigen konnte das die Mannschaft nicht. Und wenn man nach weniger als einer Minute bereits hinten liegt, wird es schwer, die Motivation oben zu halten.

Eine einzige Enttäuschung

Über den Rest der ersten Halbzeit schweige ich lieber, denn abgesehen von Emiliano Insuas nettem, strammen Schuss zum Ausgleich kurz vor der Pause war nichts, aber auch wirklich gar nichts dabei, über das ich schreiben möchte. Ein Rückschritt in finsterste Zeiten, zu Beginn einer Saison, die viele mit womöglich wirklich hohen Erwartungen verbunden hatten. Mit diesem Kader muss es doch möglich sein, im Mittelfeld eine gute Rolle zu spielen, so zumindest die landläufige Meinung. Noch kann sich das alles ja regulieren und einpendeln, daran zu glauben fällt nach dem Sonntagabend aber dennoch noch einmal um einiges schwerer.

So viel lieber würde ich jetzt schreiben, hätte der VfB am Ende drei Punkte aus dem Breisgau mitnehmen können. Drei Tore in Freiburg – und trotzdem nur ein Punkt. Zwei Mal führte der VfB in der zweiten Halbzeit – und trotzdem nur ein Punkt. Der VfB hatte es nach extremen Anlaufschwierigkeiten gut im Griff, hatte seine Chancen – und trotzdem nur ein Punkt. Dass das schlichtweg zu wenig ist, wissen wir vermutlich alle. Sowohl in Freiburg als auch überhaupt.

Vor genau einem halben Jahr standen wir bereits hier, feierten unseren VfB, feierten Mario Gomez und feierten die jüngsten Erfolge der Rückrunde und diese, die noch kommen sollten. Auch an diesem warmen Sonntagnachmittag traf der 300-Spiele-Mann doppelt, aber mit einem Lächeln ging ich nicht zum Auto zurück. Aber auch nicht mit Wut und Frustration, ein wenig Desinteresse und Verdrossenheit begleitete mich auf dem Weg zurück zum Auto. Ist dies das schleichende Ende einer weiß-roten Leidenschaft oder nur der Beginn einer neuen, gesunden Entspanntheit, mit etwas umzugehen, das letztlich nicht mehr als ein Hobby ist? Eine Antwort darauf habe ich noch nicht gefunden.

Auf ein Neues gegen Düsseldorf

Ziemlich platt von den Anstrengungen des Tages hockte ich mich erschöpft an den Rand des geöffneten Kofferraums, öffnete eine Packung Manner Neapolitaner Waffeln, reichte sie unter uns vier herum und beobachtete die vielen Autos und Busse mit schwäbischen Kennzeichen, die sich auf den Heimweg durchs Höllental aufmachten. Einige hatten uns noch zugewunken, als wir friedlich lächelnd darauf warteten, dass der größte Teil der mitgereisten Fans von dannen gezogen war. Der Laptop im Kofferraum blieb unangetastet, das Sicherstellen der Blutzufuhr in meinen Knien genoss auf der Heimfahrt höhere Priorität.

Ein Teil von mir bereute, an diesem Abend keine Bilder mehr bearbeitet zu haben. Der andere Teil sagte “Scheiß drauf” und ging nach der Heimreise direkt ins Bett. In der Mittagspause am nächsten Tag sowie am Abend wartete viel Arbeit auf mich, dabei waren wir nur zu zweit in Freiburg. Dass sich nach Veröffentlichung der Bilder einer zu Wort meldete, der die Choreo bei Sky gemütlich auf dem Sofa sitzend nicht sehen konnte und sich auf unserer Facebook-Seite echauffierte, wir sollen doch die Choreo von vorne zeigen, passte ins Bild eines mitunter völlig entglittenen Ehrenamtes.

Lange hängen bleiben wird diese Partie nicht, sie reiht sich ein in eine lange Reihe von frustrierenden Erfahrungen, die uns der VfB in den letzten Jahren eingebracht hat. In weniger als 24 Stunden wird bereits das nächste Spiel angepfiffen, der VfB empfängt die Fortuna aus Düsseldorf. Böse Zungen behaupten, es könnte bereits das erste Schicksalsspiel für Tayfun Korkut sein. Ich behaupte, dass diese Partie genau das richtige Potenzial dazu bietet, sich erneut bis auf die Knochen zu blamieren. Hoffentlich habe ich Unrecht. Obwohl, selbst wenn es so kommt. Würde es irgendjemanden überraschen?

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